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Geburt unter Stress und Skin-to-skin-Kontakt


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+ + Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Neonatologie Scan + +

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Befindet sich eine Mutter um den Zeitpunkt der Geburt herum in einem Stresszustand, so wirkt sich das in diesem sensiblen Stadium auch längerfristig auf die emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes aus. Weniger bekannt sind jedoch mögliche protektive Maßnahmen, die sich positiv auf die Kindesentwicklung trotz einer Geburt unter erhöhter Belastung auswirken können. Solch ein möglicher Faktor könnte ein sehr früher Hautkontakt zwischen Neugeborenem und Mutter sein.

Erfährt ein Neugeborenes gleich nach der Geburt und in den ersten Lebenstagen engen direkten Hautkontakt mit der Mutter (skin to skin-Kontakt), wirkt sich das positiv auf die weitere Entwicklung aus – das gilt zumindest zahlreichen Studien mit emotional stabilen Müttern zufolge. Bei Müttern jedoch, die sich während Schwangerschaft und Geburt in einem chronischen Stresszustand befinden, ist über den Einfluss des direkten Hautkontakts auf ihr Kind wenig bekannt. In dieser Studie untersuchten Selman et al. aus den USA und der Türkei, ob und wie der Zeitpunkt des engen Hautkontakts zwischen Mutter und Neugeborenem sich auf die emotionale und kognitive Entwicklung von Kindern auswirkt, deren Mütter perinatal chronischem Stress ausgesetzt waren.

Schwangere können akuten oder chronischen Stress erleben, es kann sich um psychosoziale Stressoren, depressive Symptome oder Angststörungen handeln, die bereits während der Schwangerschaft oder erst bei der Geburt oder postnatal auftreten. Solche Symptome erhöhen beim Neugeborenen das Risiko für eine Vielzahl von Entwicklungs- und Verhaltensstörungen. Hier definierte das Forscherteam „chronischen perinatalen Stress“ als wiederholten oder andauernden psychosozialen Stress und depressive Symptomatik während der Schwangerschaft, Geburt und während der ersten 12 Lebensmonate des Kindes. Enger Hautkontakt in der Neugeborenenphase könnte sich wie folgt positiv auswirken: Zum einen erlebt das Kind direkte taktile und propriozeptive Reize, die sich wahrscheinlich auf physiologische Prozesse auswirken. Einer These zufolge könnte dabei der Cortisolspiegel sinken, während die Oxytocinkonzentration im Blut steigt. Zum anderen wird durch den engen Kontakt das Verhalten der Mütter indirekt beeinflusst: Diese wenden sich infolgedessen eher empathisch ihrem Kind zu und verbringen mehr Zeit mit ihm.

Die vorliegende Untersuchung umfasst sekundär ausgewertete Daten aus einer Studie mit 37 Schwangeren, die während des letzten Trimenons und nach der Geburt psychologische Fragebögen ausgefüllt hatten. Hatten sich die Scores im Verlauf der Zeit erhöht, deutet das auf erhöhten perinatalen Stress hin. Zudem hatten die Mütter Angaben zum Zeitpunkt des ersten engen Hautkontakts mit dem Neugeborenen gemacht und einen standardisierten Fragenbogen zum kindlichen Entwicklungsstand (IBQ-R VSF) in den ersten Lebensmonaten beantwortet. Sowohl während der Schwangerschaft als auch in den ersten Lebensmonaten der Kinder erfolgten zudem persönliche Interviews mit den Müttern. Diese kamen alle aus Haushalten mit sehr geringem Einkommen; es handelte sich um eine Hochrisikogruppe für kindliche Entwicklungsstörungen.

Wie Selman et al. mithilfe einer hierarchischen Regressionsanalyse berechneten, hatte ein sehr früher enger Hautkontakt – also Hautkontakt sofort bis spätestens 10 min post partum – einen positiven Einfluss auf die emotionale Entwicklung (geringere negative Emotionalität) des Kindes. Dieser Effekt zeigte sich deutlich bei Müttern, die chronischem perinatalem Stress ausgesetzt waren, nicht jedoch bei emotional stabilen Müttern. Auf die bewusste Selbstregulation (effortful control) des Kindes hatte der Zeitpunkt des engen Hautkontakts zur Mutter jedoch keinen Einfluss; wahrscheinlich waren die Neugeborenen noch zu jung bzw. diese Fähigkeiten noch nicht genügend ausgereift, um Unterschiede erkennen zu können. In Bezug auf depressive Symptome bei der Mutter ergab sich ein geringer, aber nicht signifikanter positiver Effekt des frühen engen Hautkontakts auf die Entwicklung des Kindes.

FAZIT:

Möglicherweise stellt der sehr frühe postpartale enge Hautkontakt bei Müttern mit chronischer Stresssymptomatik, also hohem Risiko für Entwicklungsstörungen des Kindes, eine sehr kostengünstige und effektive (zusätzliche) positive Intervention dar. Wie lange ein solcher Hautkontakt am besten anhalten sollte, welche weiteren Effekte diese Maßnahme haben könnte und welche Mechanismen der Wirkung zugrunde liegen können, sollte in weiteren Studien untersucht werden, meinen die Autorinnen und Autoren.

bearbeitet von Georg Thieme Verlag
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